«Öffentliche Bauherren nutzen Chancen zu wenig»

Digitalisierung und das neue Beschaffungsrecht ermöglichen neue Zusammenarbeitsformen, die sich in der Praxis bewähren. Gerade für öffentliche Die Bauherren wäre dies eine grosse Chance. Noch fehlen jedoch konkrete Empfehlungen der KBOB, die sich sehr viel Zeit lässt. 

Die Migros Region Ostschweiz geht bei der Sanierung des Herblinger Markts in Schaffhausen neue Wege. Ralf Balgar, Gesamtprojektleiter Immobilien–Entwicklung bei der Genossenschaft Migros Ostschweiz, erklärt: «Das Risiko, dass die Bauunternehmer tragen, ist gross, die Marge klein. Um zu bestehen, muss jeder optimieren.» Bloss: «Beim Bau selbst wird nichts verbessert. Und, schlimmer noch, es kann so weit gehen, dass die Unternehmer beim Baumaterial Einsparungen vornehmen, was zulasten der Qualität geht.» Darum habe sich die Migros als Bauherrin entschieden, neue Wege auszuprobieren. Die Digitalisierung biete dafür die Chance, führt Balgar aus. Die Gewerke sollen in Zukunft auf der Baustelle zusammenarbeiten, und ohne ihren Gewinn zu gefährden zugunsten des Projektes denken.

Neues Kollaborationsmodell

Zu Gunsten des Projektes denken und nicht den eigenen Gewinn gefährden – geht das überhaupt? «Wir haben das IPD, also die integrierte Projektabwicklung, an die Schweizer KMU-Landschaft angepasst und vereinfacht», erklärt Balgar. «Die Zusammenarbeit erfolgt nach Openbook mit der Kostenaufteilung auf Stunden, Material, Infrastruktur, Fremdleistungen und Nebenkosten. Es wird bezahlt, was effektiv geleistet wird, ohne Bonus und Malus. Begleitet wird dies mit dem Lean Management, mit welchem die Ausführung optimiert wird, nicht wertschöpfende Tätigkeiten eliminiert und unterstützende Tätigkeiten reduziert werden. Weiter werden die Ist-Kosten mit den Soll-Kosten laufend abgeglichen. Nur dank BIM, LCM, neuen Zusammenarbeitsformen, der Vorfabrikation und der Automatisierung ist dies möglich.» Balgar führt dazu aus, was er meint: «Wenn der Baumeister dem Zimmermann hilft, weil dies notwendig ist, dann wird er dafür nach unserem Modell bezahlt.» Das bedeutet, dass es der Bauherr oder die Bauherrin ist, der oder die das finanzielle Risiko trägt. Trotzdem, betont Balgar, liege die neue Projektabwicklung gerade im Interesse der Migros. «Wir rechnen damit, dass wir die Baukosten markant senken können», sagt er.  Um wie viel genau lässt sich erst nach Projektabschluss benennen.

«Öffentlichen Bauherren müssen offener werden»

Die Migros als private Bauherrin kann solche neuen Zusammenarbeitsmodelle durchführen und davon profitieren. Wie sieht das bei den öffentlichen Bauherren aus? Bernhard Salzmann, Vizedirektor des Schweizerischen Baumeisterverbandes SBV, sieht hier insbesondere bei komplexeren Bauprojekten Potenzial. «Die neuen Formen der Zusammenarbeit wären ein wichtiger Hebel, um den im neuen Beschaffungsrecht verankerten Qualitätswettbewerb zu fördern. Bauunternehmen müssen sich über Qualität und nicht einzig über den billigsten Preis differenzieren können.»

Gerade im Bereich der Werkleistungen fehlen jedoch noch einschlägige Umsetzungsunterlagen, wie sie von der Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane des Bundes KBOB erstellt werden müssten, damit die Chancen auch von öffentlichen Bauherren vermehrt genutzt werden.   Für Salzmann steht deshalb fest: «Die öffentlichen Bauherren müssen in Sachen Kooperationsmodelle offener werden. Sie verpassen momentan ein grosse Chance.»

Autor: Susanna Vanek

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