Für die Karriere nach Zürich ziehen? Nicht im Jahr 2040

Die ersten Umfrageergebnisse des Tour d’horizon zeigen, dass die Schweizerinnen und Schweizer künftig weniger pendeln wollen und in der Schweiz ihre Ferien verbringen wollen. Die Bauwirtschaft wird beide Wünsche ermöglichen.

 

Severin Leuggener macht sich nach dem Frühstück auf zum Coworking-Büro im Dorfzentrum einer Walliser Berggemeinde. So kann er von modernsten technischen Hilfsmitteln profitieren, um am Geschäftsalltag einer Beratungsfirma in Basel teilzunehmen. Nur hin und wieder muss Leuggener in den Zug steigen, um persönlich in Basel vorbeizuschauen. Dank dem Ausbau des Lötschbergtunnels ist das problemlos möglich. Während Leuggener seinen Laptop hochschaltet, denkt er an seinen Vater und seinen Onkel. Ersterer hat auf eine Karriere verzichtet, um im Wallis wohnhaft bleiben zu können. Der Onkel ist ins Mittelland gezogen und hat heute eine Führungsposition inne. Mit den Freunden und Verwandten im Wallis, hingegen, hat er nur wenig Kontakt.

Diese Szene spielt sich im Jahr 2040 ab. Skizziert hat sie der Walliser Nationalrat Franz Ruppen, Gemeindepräsident von Naters, im Weissbuch zur Neuen Regionalpolitik NRP. Ruppens Einschätzung, wie die Schweiz im Jahr 2040 aussehen soll, deckt sich mit den Antworten, die die Besucherinnen und Besucher des Tour d’horizon gegeben haben. Dank des mobilen Turms tritt der Schweizerische Baumeisterverband SBV in einen Dialog mit den Schweizerinnen und Schweizer. Er will von ihnen wissen, wie die Schweiz in 20 Jahren aussehen soll.

 

Weniger lange Pendelwege 

Einer der Wünsche, der sich schon vor dem Corona-Lockdown herauskristallisiert hat, ist, dass die Schweizerinnen und Schweizer weniger lang zur Arbeit pendeln möchten. Sie möchten auch vermehrt die Möglichkeit erhalten, im Home office zu arbeiten. Gleichzeitig äussern sie deutlich einen Wunsch nach mehr Nähe zur Natur.

Einer der Fragen im Tour d’horizon lautet: Wo soll künftig vermehrt gebaut werden, in den Städten oder in den Bergen? Die Bautätigkeit in ländlichen Gebieten geniesst zu Unrecht einen schlechten Ruf. Viele stellen sich darunter vor, dass viele Gebäude, die von ihrem Äusseren nicht in die Gegend passen, auf grüne Wiesen gestellt werden. Das möchte niemand und es wird auch von der heutigen Gesetzgebung bereits verunmöglicht.

 

Chance für Randregionen

Heute ziehen viele Personen aus Bergregionen weg, weil sie dort ihren Lebensunterhalt nicht zu bestreiten vermögen. Die Folge ist eine Überalterung der Dörfer in diesen Gegenden. Können künftig Personen in Naters oder in Tschierv wohnen und trotzdem dank Home office  in den urbanen Zentren arbeiten, dann ist das für diese Randregionen eine riesige Chance, die es zu nutzen gilt. Davon profitieren auch Unterländer. Denn noch eine Erkenntnis zeichnet sich aus den ersten Umfragen ab: Herr und Frau Schweizer wollen ihre Ferien vermehrt in der Schweiz verbringen. Intakte Dörfer in den Bergen kommen diesem Wunsch entgegen.

Denn wo gewohnt wird, da werden die Gebäude auch unterhalten. Das genügt aber nicht. Der Gebäudepark in den Bergen muss nicht nur saniert werden, sondern auch an die modernen Bedürfnisse angepasst werden. So müssen die Häuser zum Beispiel moderne sanitäre Einrichtungen erhalten. Das ist eine Aufgabe für die Bauwirtschaft.

 

Sprung von 500 Jahren 

Ein schönes Beispiel, wie ein altes Gebäude einer neuen modernen Nutzung zugänglich gemacht wird, ist das «Engihuus» in Valendas, Safiental, Graubünden. Das 1517 erbaute Haus im Dorfzentrum heisst heute «Gasthaus am Brunnen». Der ETH-Professor Gion A. Caminada hat die Sanierung so geplant, dass einerseits der Charakter des Gebäudes gewahrt bleibt – teilweise sind in den sieben Hotelzimmer sogar noch die russgeschwärzten alten Wände sichtbar –, andererseits der Komfort aber den heutigen Anforderungen entspricht. Das «Engihuus» hat sich seit seinem Umbau zu einem Treffpunkt entwickelt, in dem die Bevölkerung von Valendas mit den Touristen aus dem Unterland zusammenkommt. Vor der Sanierung stand das Gebäude während 20 Jahren leer und zerfiel zusehends. Übrigens: Das «Engihuus» ist nicht das einzige Haus in Valendas, das wieder in Stand gestellt wurde. Die Bauarbeiten koordiniert eine Stiftung. Ein schönes Beispiel für andere Berggemeinden.

Ein anderes Beispiel aus dem Bündnerland ist Mulegns. Dort haben die Spezialisten der Iten AG in diesem August die Weisse Villa verschoben, damit die Strasse durch das Dorf verbreitet werden kann. Ein Trottoir wird künftig einen sicheren Gang durchs Dorf ermöglichen. Modernste Technik hat es möglich gemacht, dass einerseits die alte Villa nicht abgerissen werden musste und das andererseits die Verkehrssituation im Dorf und damit die Lebensqualität verbessert wurde.

 

Behörden sollen kooperieren 

Damit künftig die Bewohnerinnen und Bewohner von kleinen Bergdörfern in ihren Regionen wohnhaft bleiben können, braucht es einiges an weiterer Bautätigkeit. Neben stabilen Netzen – Glasfaser und 5G sind ein Muss – braucht es Infrastrukturen wie Strassen, aber Sanierungen des Gebäudesbestandes mit, wo nötig, Ersatzneubauten. Natürlich keinen mehrstöckigen Mehrfamilienhäusern, sondern mit Gebäuden, die zum Ortsbild passen. Die Behörden sind diesbezüglich aufgerufen, den Bauherren dabei keine Steine in den Weg zu legen und den Denkmalschutz nicht zu eng auszulegen. Es sollte etwa möglich sein, Ställe zu Wohnungen umzubauen. Denn nicht nur der eingangs zitierte Severin Leuggener soll im Wallis wohnen können, sondern auch seine Kinder. Das bedingt, dass den Dörfern ein gewisses Wachstum zugestanden wird. Die Nutzungsordnungen sind entsprechend auszulegen.

 

Hightech und Handwerk

Damit der Umbau der alten Gebäude in den Bergregionen so gelingt, dass sowohl die Einheimischen als auch die Touristen daran Freude haben, braucht es einerseits innovative neue Vorgehensweisen und Materialien, andererseits werden auch solide Handwerkskenntnisse gefragt sein. Die Wiederverwendung von zum Beispiel alten Türen oder Holzbrettern sollte durch digitale Plattformen, auch welche Bauelemente aus Abbruchhäusern ausgeschrieben werden, erleichtert werden.

Fes steht: Damit das gelingt, braucht es bestens geschulte Baufachleute. Bauunternehmen sind attraktive Arbeitgeber, die ihren Angestellten viele Möglichkeiten bieten. Der Schweizerische Baumeisterverband ist derzeit daran, die Weichen in Sachen Berufsbildung so zu stellen, dass die Bauwirtschaft auch künftig auf ausgewiesene Fachleute wird setzen können.

Autor: Susanna Vanek

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