«Zeitgeist hinkt der Realität hinterher»

Das Parlament will in Sachen Verwendung von Recyclingbaustoffen die öffentlichen Bauherren in die Pflicht nehmen. Obwohl die Baubranche die Kreislaufwirtschaft bereits umsetzt, hat dieser Entscheid eine wichtige Signalwirkung nach aussen.  

 

«Können wir es uns leisten, erst einmal gebrauchte Rohstoffe fortzuwerfen?» Diese Frage stellte Martin Preisig, Geschäftsführer Baustoffe bei den Eberhard Unternehmungen, am letztjährigen Eberhard Kreislauftag – der diesjährige konnte nicht stattfinden - in den Raum. Die Antwort lautete natürlich nein. Die Eberhard Unternehmungen haben dies erkannt und bereits 1983 die erste stationäre Recyclinganlage in den Betrieb genommen. Vor 21 Jahren wurde das Baustoffrecyclingzentrum Ebirec in Rümlang eröffnet. Zum Vergleich: Die Politik nahm sich des Themas erst sehr viel später an. 2016 wurden mit der Verordnung über die Vermeidung und die Entsorgung von Abfällen VVEA die gesetzlichen Grundlagen für das Recycling geschaffen.  In diesem Sommer wurde der Bundesrat beauftragt, die Voraussetzung zu schaffen, dass Bauten im Hoch-, Tief- und Strassenbau des Bundes, der Kantone und Gemeinden, wenn immer technisch möglich und sinnvoll, mit sekundären Baustoffen geplant und erstellt werden. Gerade auch gegenüber privaten Bauherren soll der Bund so eine Vorbildfunktion übernehmen und einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und zum Recycling von Baustoffen leisten.   Ulrich Widmer, CEO der KIBAG Holding, sagt dazu«Dass die öffentliche Hand, Bund, Kantone und Gemeinden nun mittels einer Motion verpflichtet werden sollen, Recyclingbaustoffe vermehrt zu nutzen, ist politisch und für die Politikerinnen und Politiker ein sexy Thema, das dem Zeitgeist folgt, der Realität jedoch hinterher hinkt und damit eigentlich nicht mehr notwendig ist.» 

 

Wird schon umgesetzt 

 

Widmer führt aus, was er damit meint: «Wir setzen in unserer Branche, speziell bei KIBAG, seit Jahren und zunehmend überall Recyclingbaustoffe ein. Und zwar so viel, wie nur irgendwie möglich. Der Markt und das Potential dafür werden auch vielerorts bereits voll ausgeschöpft. Asphalt, Kalksandsteine, Backsteine, Beton- und Mischabbruch, Holz, Kartone und mehr. Alles, was mineralisch und auch nicht mineralisch ist, wird nach Möglichkeit wiederverwertet. Angebot und Absatzmöglichkeiten werden vom Markt bestimmt, von gesetzlichen Grenzwerten auch, Umweltnormen und so weiter. Persönlich erlebe ich die Bauherrschaften im Wesentlichen sehr offen für Recyclingbaustoffe, nicht zurückhaltend.»  Nüchtern betrachtet, führt Widmer weiter aus, bewirke die Motion wieder eine Gesetzesflut, die den administrativen Aufwand stark erhöhe, was zu finanziellen Folgen führe. «Ich bin nicht glücklich darüber, etwas, das schon funktioniert, in noch mehr Gesetze und Verwaltungsmassnahmen zu packen.»   Ob es eine neue Gesetzesflut geben wird, steht indes noch nicht fest. Das Geschäft ist noch in Ausarbeitung beim Bundesrat. Es besteht noch Hoffnung, dass es unternehmerfreundlich ausgestaltet wird. 

 

 «Zu wenig wahrgenommen» 

 

Das starke Engagement der Bauunternehmen für den Umweltschutz und die Wiederverwendung werde von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. «Wir verkaufen uns diesbezüglich schlecht», so Widmer. Und vielen Politikerinnen und Politiker würden das positive Wirken der Baubranche auch nicht wahrhaben wollen. «Denn sonst würden ihnen die Schlagworte und die Themen ausgehen.» 

 

Einen Film zu Urban Mining, der Wiederverwendung von Baustoffen, finden Sie hier

Autor: Susanna Vanek

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