Ceneri 2020: Quantensprung und Rückschritt

Der Ceneri-Basistunnel macht den Traum von der Flachbahn durch die Alpen wahr. Gleichzeitig ist er Teil der Magistrale Rotterdam-Genua, der bedeutendsten europäischen Güterverkehrsachse. Er hat aber auch eine dunkle Seite. 
Camorino Vigana, 21.01.2016, Ceneri-Basistunnel, Hauptdurchschlag. Duccio Astaldi, Dr. Ing. Renzo Simoni, Vorsitzender der Geschäftsleitung der AlpTransit Gotthard AG, Claudio Zali, Regierungsrat Kanton Tessin, Peter Füglistaler, Direktor Bundesamt für Verkehr, Alberto del Col und die Patin Giovanna Masoni Brenni. (KEYSTONE/EQ IMAGES/Tatiana Scolari)

 

1300 Kilometer lang ist die Trasse zwischen Rotterdam und Genua, der wichtigsten europäische Güterverbindung. Um sie zu optimieren hat die Schweiz mit dem Gotthard-Basistunnel und mit dem Lötschbergtunnel den weltweit längsten und den viertlängsten Eisenbahntunnel realisiert. Mit dem Ceneri-Basistunnel, der am 4. September 2020 mit einem – coronabedingt – kleinen Festakt eröffnet wird, kommt das drittgrösste Schweizer Tunnelprojekt hinzu. 15,4 Kilometer ist der Ceneri-Basistunnel lang und wenn er am 12. Dezember 2020 seinen Betrieb aufnehmen wird, dann wird die Neue Alpentransversale NEAT, das Schweizer Jahrhundertprojekt, vollendet. Die Inbetriebnahme wird also einen Quantensprung sowohl für die europäische als auch für die nationale Mobilität bedeuten, denn der Ceneri-Basistunnel verwirklicht den Traum von der Flachbahn durch die Alpen. Der höchste Punkt liegt nur 550 Meter über Meer, das entspricht der Höhe der Stadt Bern. Somit können schwere Güterzüge mit Anhängelasten bis 4000 Tonnen die Schweiz ohne Traktionsverstärkung passieren. Die Schweiz hat ihre Aufgaben in Sachen Magistrale mit Bravour erfüllt – ganz im Gegensatz zu Deutschland. Aber das ist eine andere Geschichte. 

 

Im Personenverkehr verkürzt der neue Tessiner Tunnel die Fahrzeiten deutlich. Die neue Gotthardbahn ist eine Hochgeschwindigkeitsstrecke. Reisezüge können auf etwa 60 Kilometern mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 250 Stundenkilometer verkehren. Voraussetzung dafür ist die gerade Linienführung ohne enge Kurven und keine Strassenübergänge auf den offenen Strecken.   Wie der Gotthard-Basistunnel besteht der Ceneri-Basistunnel aus zwei Einspurröhren, die rund 40 Meter auseinanderliegen und alle 325 Meter durch Querschläge miteinander verbunden sind. Aufgrund seiner Länge sind keine Spurwechsel oder Multifunktionsstellen nötig. 

 

Um den Ceneri-Basistunnel an die bestehende Bahnlinie anzuschliessen, entstanden beim Knoten Camorino diverse Bauwerke, so eine neue viergleisige Brücke über die A2 und zwei eingleisige Bahnviadukte über die vierspurige Kantonsstrasse. 

 

Die Eröffnung war ursprünglich für 2019 vorgesehen, wurde aber im Verlaufe der Bauarbeiten auf 2020 verschoben. Aufgrund der Coronasituation konnte in diesem Frühjahr zeitweise nicht im Tunnel gearbeitet werden. Auch die Ausbildung der Zugführer konnte nicht wie geplant durchgeführt werden, weswegen der Ceneri-Basistunnel ein wenig später als vorgesehen in Betrieb genommen wird.   

 

Vergabe ins Ausland – an die Mafia? 

 

Für Aufruhr gesorgt hatte die Vergabe des Projektes, weil so rund eine Milliarde Franken ins Ausland flossen. Ambros Zgraggen, Leiter Medienstellen der AlpTransit Gotthard AG, ein Tochterunternehmen der SBB, das Bauherrin war, sagt dazu: «Die Vergabe des Rohbau-Hauptloses beim Ceneri-Basistunnel (Los 852) am 11. Juni 2009 an die Arbeitsgemeinschaft Consorzio Condotte Cossi erfolgte nach dem Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen.  Die von der AlpTransit Gotthard AG beauftragte Arbeitsgemeinschaft Consorzio Condotte Cossi hatte, unter Berücksichtigung aller Vergabekriterien, das wirtschaftlich günstigste Angebot eingereicht. Insgesamt beteiligten sich fünf internationale Arbeitsgemeinschaften an der Ausschreibung, die nach den Regeln von GATT/WTO durchgeführt wurde. Die Angebote wurden gemäss dem Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen sorgfältig geprüft und bewertet. Sowohl im Zeitpunkt der Vergabe (Juni 2009) als auch im Zeitpunkt des Vertragsabschlusses (Oktober 2009) lagen sogenannte «nulla osta»-Bestätigungen, also Anti-Mafia-Unbedenklichkeitszertifikate, der zuständigen Handelskammern vor. Solche Bestätigungen wurden in der Folge jährlich beigebracht.» 

 

Allerdings: Zum Zeitpunkt der Vergabe hatten die italienischen Behörden einem der Partner, Condotte per l’Acqua spa, das Antimafia-Zertifikat bereits entzogen, und zwar weil die Behörden eine Nähe zur kalabresischen Mafiaorganisation ‘Ndrangheta vermuteten. Im Jahr 2018 wurde Duccio Astaldi, Präsident von Condotte, verhaftet und unter Hausarrest gestellt, weil er bei der Vergabe des Autobahnabschnittes zwischen Siracusa und Gela Verantwortliche bestochen haben soll. Schon im Vorfeld waren fünf von Astaldis Mitarbeitern wegen Zugehörigkeit zu einer Verbrecherorganisation im Gefängnis gelandet. Es ging um Pfusch beim Bau eines Autobahntunnels zwischen Salerno und Reggio Calabria. 

 

Das waren indes nicht die einzigen Schwierigkeiten für Condotte. Im 2018 wurde weiter bekannt, dass dem Bauriesen 2 Milliarden Euro fehlten und er kurz vor dem Bankrott stand. Pikant daran war die Tatsache, dass bis kurz davor Weggefährten und Familienangehörige aus dem Umkreis des damaligen italienischen Premiers Matteo Renzi saftige Beraterhonorare von Condotte kassiert hatten. Honni soit qui mal y pense! Der italienische Staat setzte im 2018 drei Sachverwalter ein, die das schlingernde Schiff Condotte wieder auf Kurs bringen sollen. 

 

 

 

LMV nicht eingehalten 

 

Der Tessiner Nationalrat Fabio Regazzi sah sich veranlasst, im Juni 2018 einen Einzelantrag für die Revision des Bundesgesetzes für das öffentliche Beschaffungswesen BöB zu stellen. Demnach seien Firmen mit einer schlechten beruflichen Moral von einer Ausschreibung auszuschliessen beziehungsweise die Vergabe sei bei Bekanntwerden der Übertretung zu widerrufen. Der Antrag fand im Parlament keine Mehrheit. Der Tessiner Nationalrat bedauert das. «Hier wurde eine Chance zugunsten von fairen Schweizer Unternehmen vergeben. Es ist ein Rückschritt im Bestreben um einen fairen Wettbewerb.» 

 

Es gibt im Tessin Stimmen, die erzählen, dass Condotte sich von den Bauarbeitern einen Teil des Lohnes habe zurückzahlen lassen, um so die Einhaltung des LMVs umgehen zu können. Regazzi sagt, er habe davon gehört, fügt aber hinzu, es gebe dafür keine Beweise. 

 

Zgraggen findet, die Vergabe an Condotte sei kein Fehler gewesen. Er betont: «Die AlpTransit Gotthard AG war mit den Leistungen des Consorzio Condotte Cossi sehr zufrieden. Unsere Bauplatz-Versicherung für den Ceneri-Basistunnel sprach bei ihren Besuchen wiederholt über ihren positiven Eindruck von der Baustelle. Auch dem Baustellen-Management wurden stets gute Noten erteilt.»  

 

Die mangelnde Liquidität von Condotte blieb aber auch für die Alp Transit Gotthard AG nicht ohne Folgen: «Das Consorzio Condotte Cossi hat die Rohbau-Arbeiten beim Ceneri-Basistunnel Mitte 2017 termingerecht abgeschlossen. Im Rahmen des Bahntechnikeinbaus erbrachte das Consorzio noch diverse logistische und betriebliche Unterstützungsleistungen. Wegen Liquiditätsproblemen wurde die Condotte-Gruppe in Italien im Januar 2018 unter Gläubigerschutz gestellt. Per Ende März 2019 beantragten die staatlich beauftragten Sachverwalter gegenüber der AlpTransit Gotthard AG das Ausscheiden von Condotte aus dem Consorzio Condotte Cossi für das Los 852 und die Neuformierung des Consorzio mit Cossi (Anteil 80%) und LGV (Anteil 20%) unter Federführung von Cossi. Im April 2019 genehmigte der Verwaltungsrat der AlpTransit Gotthard AG diesen Wechsel. Condotte ist seither nicht mehr Partner von ATG.»   Zu den allenfalls nicht vollständig bezahlten Löhne meint Zgraggen: «Diese Frage können wir nicht beantworten, da die AlpTransit Gotthard AG nicht die Arbeitgeberin der einzelnen Bauarbeiter war, sondern die Gesellschaften des Consorzio. Somit war auch das Consorzio - und nicht die ATG - Ansprechpartner im Zusammenhang mit Fragen rund um das Personal. Die AlpTransit Gotthard AG mischt sich grundsätzlich nicht in Angelegenheiten der Sozialpartner ein.» 

In der Nacht vom 31. August auf den 1. September 2020 geht der Ceneri-Basistunnel von der Erstellerin AlpTransit Gotthard AG an die SBB als Betreiberin über. Die SBB wird anschliessend im Rahmen des sogenannten Probebetriebs rund 4000 bis 5000 Züge mit Reisenden oder Gütern durch den Tunnel schicken, bevor sie dann den Tunnel im Dezember 2020 fahrplanmässig in Betrieb nimmt.

     

 

Über den Autor

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Susanna Vanek

Redaktion «Schweizer Bauwirtschaft»

svanek@baumeister.ch

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