Die digitalen Herausforderungen eines Bauunternehmers

In der aktuellen Printausgabe der SBW, die heute erschienen ist, startet die Serie «Chance Digitalisierung». Der erste Beitrag beleuchtet die digitalen Herausforderungen eines Bauunternehmers.

Wie führt heute ein Unternehmer sein Geschäft? Nun, leider viel zu oft, indem er das tut, was er schon immer getan hat. Der klassische Unternehmer denkt und handelt heute innerhalb seiner etablierten Strukturen und Prozesse, weil diese ihm (noch) einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Das ist durchaus eine Möglichkeit. Reicht dieser Ansatz allerdings für die digitale Zukunft? Ein Blick über den eigenen Tellerrand, etwa in die Hotellerie oder den Handel, zeigt hier mahnende Beispiele. StichwortAirbnb oder Amazon!

Früher oder später wird sich folglich jeder Unternehmer – und so auch der Bauunternehmer – mit der Frage beschäftigen müssen, was die Digitalisierung ihm persönlich bringt. Bereits heute drängen neue Technologien, digitale Planungsmethoden und intelligente Baumaschinen in die Baubranche. Das Thema Digitales Bauen ist allgegenwärtig. Kaum eine Fachtagung oder ein Fachartikel kommt ohne einen Beitrag zu Chancen und Gefahren der Digitalisierung im Baugewerbe aus. Derzeit beschäftigt sich die Branche vor allem mit der Frage, wie die digitale Planungsmethode Building Information Modelling – kurz BIM – eingeführt und genutzt werden kann. Ja, wir sind uns einig, BIM hat durchaus das Potenzial, einen Paradigmenwechsel in der Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette Planen – Bauen – Bewirtschaften herbeizuführen. Damit BIM allerdings das gesamte Potenzial entfalten kann, gilt es noch viele Hürden zu nehmen. Mit BIM als Zugpferd für die Digitalisierung der Baubranche und weiteren Trends und Treibern, die die digitale Transformation vorantreiben, stehen die Bauunternehmer in der Schweiz vor grossen Herausforderungen. Mit BIM werden wir uns in einer der nächsten Ausgabe näher beschäftigen. Heute betrachten wir das Thema Digitalisierung der Bauwirtschaft entsprechend aus der Makroperspektive. Zentral für ein holistisches Grundverständnis der Digitalisierung ist die Erkenntnis, dass die Digitalisierung der Bauwirtschaft nicht nur eine Frage von Software, neuen Arbeitsinstrumenten oder digitalisierten Prozessen ist. So wird die Digitalisierung der Bauwirtschaft auch elementare Auswirkungen auf Geschäftsmodelle, Kompetenzprofile, die Aus- und Weiterbildung und natürlich auf die Mitarbeiterführung ha­ben. Praktisch alle Bereiche im Ökosystem eines Unternehmers werden in irgendeiner Form mehr oder weniger von der Digitalisierung betroffen sein und durch die technischen Möglichkeiten in ständiger Wechselwirkung stehen. Vor diesem Hintergrund hat der SBV das digitale Ökosystem eines Bauunternehmers entlang der Dimensionen Zeit und Megatrends näher beleuchtet. Im Zentrum standen hierfür zwei Fragen:

  • Welchen digitalen Herausforderungen steht der Bauunternehmer gegenüber und
  • ab wann wird ein digitaler Hype praxistauglich und auf der Baustelle relevant?

Das Ergebnis der Analyse spiegelt sich in der  in Form des digitalen Ökosystems wider, das sowohl Subtrends wie auch Technologien berücksichtigt.

Wie das digitale Ökosystem aussieht, sehen Sie hier.

In unterschiedlichsten Studien finden sich eine Vielzahl von Megatrends mit Bezug auf die Digitalisierung der Bauwirtschaft, die eine erhebliche Relevanz aufweisen. In einer kürzlich publizierten Studie «Bauwirtschaft im Wandel – Trends und Potential bis 2020» definiert Roland Berger vier Trends für die langfristige Entwicklung der Bauwirtschaft. Gemäss Roland Berger haben die Megatrends in den Bereichen Nachhaltigkeit, Technologie, Urbanisierung sowie der demografische Wandel das grösste Potenzial, die Baubranche erheblich zu verändern. Es finden sich durchaus auch weitere Megatrends – siehe dazu «Mega­trends und Herausforderungen für die Schweiz» von Swissfuture.ch. Allerdings haben für die Schweizer Bauwirtschaft nicht alle Megatrends die gleiche Relevanz. Nachstehend werden fünf Megatrends näher erläutert, welche aus Sicht des SBV eine elementare Rolle für die digitale Entwicklung der Bauwirtschaft und die Herausforderungen des Bauunternehmers spielen.

Urbanisierung
Die Mehrheit der Weltbevölkerung lebt in Städten und diverse Studien prophezeien einen konstanten Wachstum dieser Cities. Die Nachfrage nach Wohnraum wird entsprechend weiter steigen. Ländliche Regionen rücken mit Hilfe neuer Verkehrsinfrastrukturen näher an Grossstädte oder wachsen gar zu megaurbanen Regionen zusammen. Folge davon ist verdichteter Wohnraum sowie der Mangel an bebaubaren Bauparzellen. Mit Hilfe von digitalen Planungstools können bspw. die unvorteilhaften Platzverhältnisse frühzeitig für die Baustellenlogistik berücksichtig werden.

Nachhaltigkeit
Nachhaltiges Bauen berücksichtig nebst ökologischen Aspekten auch ökonomische und funktionale Aspekte. Neue Ansätze des modularen Bauens können hier eine mögliche Lösung darstellen, wie beispielsweise das NEST-Gebäude der EMPA in Dübendorf zeigt. Das NEST-Gebäu­­de ermöglicht auf einer Basis-Infrastruktur und Fertigbaumodulen die Mehrfachnutzung von Flächen über die Zeit hinweg. Ein Wohnung oder Wohnhaus kann in Windeseile inklusive ­Infrastruktur zu einer Produktionsstäte umgetauscht werden. Mit diesem Ansatz können Flächen ohne grosse Bauadministration mehrfach «bebaut» werden. Mit Blick auf die Lebensdauer von ­Gebäuden, werden sich Bauunternehmer auch mit neuen Werkstoffen auseinandersetzen müssen. Ökologisches Bauen (Green Building) und Nanotechnologien sind hier nur einige Stichworte.

Konnektivität
Unter Konnektivität ist die elektronische Vernetzung von Objekten, Personen und Unternehmen zu verstehen. Das Internet, mobile Endgeräte wie auch Technologien wie Cloud schaffen heute die Grundlage für neue Formen der Zusammenarbeit – unabhängig von Ort und Zeit. Daten sind jederzeit für jedermann abrufbar. BIM, als digitale Planungsmethode, fusst auf diesen Elementen. Mit dem Internet der Dinge – kurz IoT/Internet of Things – wird der Bauunternehmer zukünftig mit seinen Maschinen kommunizieren können. Das Potenzial dieser neuer Kommunikationsstrukturen gilt es entsprechend für das eigene Geschäftsmodell abzuschöpfen.

Technologischer Fortschritt
Die digitale Baustelle der Zukunft zeichnet sich durch die elektronische Vernetzung aller Akteure und Aufgaben aus – sowohl in der horizontalen als auch in der vertikalen Richtung des Bauausführungsprozesses. Grundlage hierfür sind neue Technologien, welche in ihrer technischen Maturität und ihrer Anwendung in der Baubranche unterschiedlich ausgeprägt sind. Zentraler Treiber der Digitalisierung der Bauwirtschaft sind den genau diese Technologien. Drohnen, Virtual Reality, Bauroboter oder 3D-Druck sind technische Entwicklungen, die an Bedeutung noch stark zunehmen werden.
Bereits heute drängen branchenfremde Akteure mit neuen technologischen Entwicklungen in den Markt. Das in Australien Ansässige Technologieunterneh­men Fastbricks Robotics hat mit dem Bauroboter HadrianX eindrücklich vorgezeigt, wie ein Einfamilienhaus in der Zukunft gebaut werden könnte. Bauunternehmen müssen die neuen technologischen Möglichkeiten auch für das eigene Geschäftsmodell ausloten.

Demografischer Wandel
Der demographischer Wandel schreitet kontinuierlich voran. Der erwartete Fachkräftemangel ist nur eine Folge davon. Sogenannte Golden Agers, Personen über 50 und im Durch­-
­schnitt mit einem relativ hohem Einkommen assoziiert, stellen neue Anforderungen an Gebäude. Das anderen Ende der Altersskale wiederum, die sogenannte Generation Z, stellt zum einen neue Anstellungsbedingungen an die Bauunternehmer und zum anderen muss diese Generation neue Kompetenzprofile für die Ausübung der Tätigkeiten auf der digitalen Baustelle aufweisen. Hier stellen sich bspw. Fragen wie, welche technischen Kompetenzen der Maurer im digitalen Zeitalter benötigt. Wie verändern sich Berufsbilder? Wie bilde ich meine Angestellten zeitgemäss aus? Das sind nur einige von vielen Fragen, die sich ein Bauunternehmer im digitalen Zeitalter stellen muss.
Abschliessend gilt es trotzdem nochmals darauf hinzuweisen, dass so gross die Herausforderungen auch sein mögen, die Chancen der Digitalisierung sind mindestens ebenso gross. Seien Sie auch in der nächsten Ausgabe wieder dabei und erfahren Sie mehr zu spezifischen Themen aus dem digitalen Ökosystem des Bauunternehmers.
Zafer Bakir, Leiter Digitalisierung SBV

Zafer Bakir beschäftigt sich seit Jahren branchenübergreifend mit dem Thema Digitalisierung sowie mit den damit ein­hergehenden Veränderungsprozessen. Seit Januar 2018 verantwortet Zafer Bakir als Leiter Digitalisierung das The­ma Digitalisierung beim Schweizerischen Baumeisterverband mit der Mission, die Digitale Transformation im Bauhauptge­werbe voranzutreiben. Mitglieder des SBV profitieren davon. Mehr zum SBV finden Sie hier.