Im Bahnhof Oerlikon bleibt
 kaum ein Stein auf dem anderen

Publikationsdatum: 07.04.15| Peter Rahm

Vielfältige Wochenendarbeiten im Bahnhof Oerlikon (ZH): Über 700 Mil-lionen Franken investieren die SBB und die Stadt Zürich in den Bau 
von zusätzlichen Gleisen, Personenunterführungen und Shoppingzonen.

Damit der Bahnhof Oerlikon nach der vollständigen Inbetriebnahme der Durchmesserlinie nicht zum Flaschenhals wird, wurde er im Rahmen der vierten Teilergänzung der Zürcher S-Bahn um die Gleise 7 und 8 erweitert. Mit dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember 2015 werden dann am achtgrössten Bahnhof der Schweiz zwölf statt wie bisher sieben S-Bahn-Linien halten.

Technisch, logistisch und planerisch sind die Bauarbeiten für alle Beteiligten eine grosse Herausforderung. Neben der Erweiterung um zwei Gleise verbreitern die SBB die Perrons. Die Zugänge zu den Unterführungen werden bequemer und behindertengerecht, die Passagen grosszügiger. Für diese Arbeiten geben die SBB rund 175 Millionen Franken aus, zusammen mit den Arbeiten im Einschnitt Oerlikon sind es 525 Millionen Franken. Diese Investitionen sind Teil des Gesamtprojekts Durchmesserlinie, dessen Gesamtkosten auf 2031 Millionen Franken veranschlagt sind. Weitere 190 Millionen Franken zahlt die Stadt Zürich an die von ihr angeregten Bauten und Anlagen. Es handelt sich dabei um den Bau der beiden Bahnhofplätze, die Quartieranbindung Ost sowie die Quartierverbindung Oerlikon. Letztere bildet mit der Personenunterführung Mitte ein zusammenhängendes, bis zu 70 Meter breites Bauwerk.

Zusätzlich zu den Treppen erschliessen neue Lifte die höherliegenden Perrons. Auf der Ostseite bauen die SBB die bestehende Unterführung auf eine Durchgangsbreite von 7,5 Meter aus und realisieren im Auftrag der Stadt Zürich zwischen den Gleisen 3 und 4 einen neuen Zugang in der Verlängerung der Andreasstrasse. Auf den Fahrplanwechsel im Dezember 2015 stellen die SBB den neuen achtgleisigen Bahnhof fertig. Der Ausbau der Passagen und Geschäftsflächen dauert noch bis Herbst 2016. Am Bahnhofplatz Süd wurden die Bauarbeiten im November 2014 abgeschlossen. Der neue Max-Frisch-Platz auf der Nordseite des Bahnhofs ist voraussichtlich Ende 2016 fertig gebaut.

Stück für Stück wird neu

„Der Um- und Ausbau unter laufendem Betrieb ist das Anspruchsvollste an diesem Projekt“, erklärte Roland Kobel, SBB-Gesamtprojektleiter der Durchmesserlinie, anlässlich einer Baustellenführung im November 2014. 800 Züge fahren täglich durch den Bahnhof, das Passagieraufkommen liegt bei rund 77 000 Personen pro Tag. Neben und unter den Gleisen sind bis zu 100 Personen mit der Ausführung von verschiedensten Bauarbeiten beschäftigt.

Dank der Erweiterung des Bahnhofs um zwei auf insgesamt acht Gleise können bis zum Fahrplanwechsel im Dezember 2015 für die Bauarbeiten immer zwei Gleise ausser Betrieb genommen werden. Das heisst, Etappe um Etappe von der Nordseite des Bahnhofs in Richtung Bahnhofsgebäude werden jeweils zwei Gleise abgebrochen und im Tagbau die Teilstücke der neuen Zugänge und Passagen gebaut. „Eigentlich bauen wir den Bahnhof nicht um, sondern neu – Stück für Stück“, erklärt SBB-Abschnittsleiterin Katja Nahler.

Noch bis Mitte Mai 2015 sind die Gleise 4 und 5 ausser Betrieb. Mit der Inbetriebnahme von Gleis 5 am 26. Mai 2015 kann das Gleis 3 vorübergehend stillgelegt werden und der Neubau vom Trog im Bereich von Gleis 3 und 4 erfolgen. Bei den Gleisen 1 und 2, die als einzige von Oerlikon nach Wallisellen führen, ist dieses Vorgehen nicht anwendbar. „Diese beiden Gleise müssen stets in Betrieb sein, damit die Züge von und nach Wallisellen verkehren können“, erklärt Katja Nahler. Eine komplette Sperrung ist nur am Wochenende möglich. Im Bereich der Gleise 1 und 2 wird der Bahnhof Oerlikon dann zum Sackbahnhof, und die Passagiere müssen zu Fuss zu den gewünschten Anschlussgleisen gelangen.

Deckelbauweise und Hilfsbrücken 
im Bereich von Gleis 1 und 2

Da für die Erstellung der neuen Passagen „Personenunterführung Mitte“ und „Personenunterführung Ost“ die Gleise 1 und 2 nicht stillgelegt werden können, sind an diesen Orten für deren Bau spezielle Massnahmen erforderlich. Im Bereich der Personenunterführung Mitte werden in jedem Gleis je fünf SBB-Hilfsbrücken mit einer Gesamtlänge von rund 80 Meter eingebaut. Ohne Einschränkungen durch den Bahnbetrieb können nach dem Einbau der Hilfsbrücken die Aushub- und Abbrucharbeiten ausgeführt und in der Baugrube die neuen Bauteile erstellt werden.

Für den Neubau der Personenunterführung Ost, die unterhalb der Gleise auf 7,5 Meter und in den Zugangsbereichen auf bis zu 12 Meter verbreitert wird, wählten die Planer eine Ausführung in Deckelbauweise. Das heisst: An einem Wochenende mit Sackbahnhofbetrieb erfolgt der Einbau von zwei vorfabrizierten Deckenplatten, die Teile der endgültigen Decke der Personenunterführung sein werden. Darüber kann der Zugverkehr dann uneingeschränkt zirkulieren, während unter dem Deckel die neue Passage gebaut wird. Für die Ausführung der Arbeiten im Gleisbereich von Gleis 1 und 2 können diese jeweils von Freitagabend 22.02 Uhr bis am Montagmorgen 5 Uhr komplett ausser Betrieb genommen werden.

Im November 2014 erfolgte in diesen Wochenendsperrungen im Bereich der Personenunterführung Ost das Einvibrieren der bis zu 18 Meter langen Stahlträger HEB 400, auf denen später die in der angrenzenden Ohmstrasse vorfabrizierten Deckenelemente für den Gleistrog aufgelagert werden. Auf der Westseite im Bereich der Personenunterführung Mitte wurden gleichzeitig 22 Meter lange Stahlträger HEB 400 einvibriert und zusätzliche Mikropfähle gebohrt, welche die Widerlager und Auflager der beiden je 5-gliedrigen Hilfsbrückenketten bilden werden. Bei allen einvibrierten Stahlträgern erfolgte dann eine Mantelverpressung.

Das an den Wochenenden vorgegebene enge Zeitfenster erfordert eine minutiöse Planung. Nach der Sperrung sind sowohl Fahrleitungen zu demontieren wie auch die im Arbeitsbereich liegenden Gleisjoche auszubauen und vor Ende der Sperrung wieder alles herzurichten.

Zwei vorfabrizierte Deckenelemente für Personenunterführung Ost

Am Wochenende vom 16. bis 19. Januar 2015 wurde der Bahnhof Oerlikon für das Versetzen der vorfabrizierten Deckenelemente der neuen Personenunterführung Ost im Bereich der Gleise 1 und 2 wieder zum Sackbahnhof.

Nach erfolgter Demontage der Fahrleitungen und dem Ausbau der Gleisjoche waren für die ARGE Gate Oerlikon – bestehend aus den Unternehmungen Implenia Bau AG und Ki-bag – die Voraussetzungen geschaffen, die bestehende Unterführung freizulegen und diese mit Tiefbetonschnitten an Decke und Wänden zu zersägen. Stück um Stück wurden die Elemente mit dem in der Ohmstrasse installierten 500-Tonnen-Pneukran herausgehoben und parallel dazu der Aushub ausgeführt.

Mit dem fortschreitenden Aushub wurden auch auf beiden Seiten die vorgängig einvibrierten Stahlträger freigelegt, auf welchen die vorfabrizierten Stahlbetonriegel als Auflager der später zu versetzenden Deckenplatten liegen. Diese je sechs Stahlträger pro Seite mussten auf der richtigen Höhe abgeschnitten und durch Schleifen nachbearbeitet werden. Kurz nach Mitternacht von Samstag auf Sonntag konnten die beiden bis 9,5 Meter langen Auflagerträger versetzt und über die eingelegten Stahlplatten mit den stehenden Fundations-Stahlträgern verschweisst werden. „Die Lage der beiden Längsträger musste fast millimetergenau stimmen“, beschreibt Gesamtprojektleiter Daniel Littarru von Locher Ingenieure AG die hohen Anforderungen an die Genauigkeit.

Am Sonntagmorgen um 5.30 Uhr erfolgte der gespannt erwartete Höhepunkt: Der 500-Tonnen-Pneukran brachte das erste, vor Ort vorfabrizierte Deckenelement an seinen Bestimmungsort. Im Gleis 1 war dieses 14 Meter lang, 3,5 Meter breit und knapp 90 Tonnen schwer. Ganz sanft wurde es auf die Auflagerriegel abgesetzt – und alles passte. In der Zwischenzeit hatte der zweite Pneukran mit einer Hubkraft von 350 Tonnen die zweite Deckenplatte zum Lagerbock der ersten Platte transportiert. Mit einem Gesamtgewicht von 83 Tonnen war dieses Element etwas leichter. Mit dem Pneukran wurde auch dieses Deckenelement millimetergenau auf den Auflagerriegel abgesetzt. Zwischen der noch bestehenden Mittelwand der alten Unterführung und den neuen Deckenplatten wurden acht Flachpressen montiert, um die Elemente zusätzlich zu unterstützen.

Je fünf Hilfsbrücken im Bereich 
der Personenunterführung Mitte

An zwei weiteren Wochenenden mit eingleisiger Sperrung erfolgte der Einbau der je fünf Hilfsbrücken im Bereich der Personenunterführung Mitte. Vorgängig wurden an zwei Wochenenden bei der Sperrung von beiden Gleisen die Auflager vorbereitet. Die je vier Zwischenabstützungen pro Gleis bestehen aus je vier einvibrierten Stahlträgern, auf denen ein rund drei Tonnen schwerer Stahlkranz lagert. Dieser ist mit den Stahlträgern verschweisst. Die Hilfsbrücken selber wurden mit einem SBB-Schienenkran vor Kopf versetzt. Nach dem Hilfsbrückeneinbau kann der Aushub und die Baugrubensicherung für die Personenunterführung erfolgen.

Die Arbeiten an den Betonbauten der Personenunterführung Mitte werden im Frühling 2016 abgeschlossen sein.