„Das Wichtigste ist
 der Vertrauensaufbau“

Publikationsdatum: 20.05.15| Birgit Günter

Spezielle Schulungen von Ausbildnern sollen helfen, die Zahl der Lehrvertragsauflösungen im Bauhauptgewerbe zu reduzieren. Die Ausbildner lernen, Jugendliche „lesen“ zu können. Und sie erfahren, wie wichtig bereits die Selektion ist.

Jeder vierte lernende Maurer bricht die Lehre ab. Gründe dafür gibt es mehrere – zum Teil sind sie in der Persönlichkeitsstruktur der Jugendlichen zu finden, zum Teil sind aber auch die Ausbildungsbedingungen ungenügend. Der Schweizerische Baumeisterverband hat das Problem erkannt und eine Studie dazu in Auftrag gegeben.

Die Erkenntnisse der Studie werden nun in konkrete Taten umgesetzt: In speziell konzipierten Schulungen sollen die jeweiligen Ausbildner in den Betrieben den richtigen Umgang mit ihren Lernenden lernen – und sie erfahren in den Kursen auch, worauf unbedingt bereits bei der Selektion zu achten ist.

Im Juni starten die ersten Kurse mit Berufsbildnern der Frutiger AG und der Strabag. Hinter der Studie und den Kursen steht Patrizia Hasler, Projektleiterin Berufsbildungspolitik beim SBV.

Frau Hasler, was lernen die Teilnehmenden in den Kursen konkret?

Zuerst zeige ich die Erkenntnisse aus meiner Studie auf: Darin habe ich die Jugendlichen, mit denen wir es auf dem Bau zu tun haben, in drei Gruppen mit spezifischen Merkmalen aufgeteilt. Es hilft den Ausbildnern, wenn sie einen Jugendlichen einer Gruppe zuteilen können und so etwa wissen, wie er „tickt“ und wie man am besten mit ihm umgeht. Es ist nun mal eine Tatsache, dass auf dem Bau einige sogenannt schwierige Jugendliche landen: In zwei der drei Gruppen haben wir es mit Jugendlichen mit Mehrfachproblematiken zu tun. Wenn man solche Jugendliche richtig „abholt“, können sie sich aber zu ausgezeichneten Facharbeitern entwickeln. Ganz wichtig ist jedoch auch schon die Selektion von möglichen Lernenden.

Das heisst?

Die Betriebe müssen bei der Selektion von Lernenden die richtigen Fragen stellen. Manche Betriebe testen die Allgemeinbildung – dabei wäre es viel wichtiger, den Jugendlichen „kennenzulernen“. Interessiert er sich nur wegen des guten Lohns für eine Lehre auf dem Bau, oder hat ihn gar ein verzweifelter Lehrer hierhin geschickt? Stellt man die richtigen Fragen, merkt man rasch, welche Probleme sich in der späteren Lehre ergeben könnten. Und dann gilt es abzuwägen.

Ob man den Jugendlichen als Lernenden anstellen will oder nicht?

Ja. Eine gute Selektion dient der Firma, sie ist aber auch dem Jugendlichen gegenüber fair. Denn wenn Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen, denen oft schon der familiäre Rückhalt fehlt, auch noch ihre Lehre auflösen, finden sie fast keine neue Lehrstelle mehr. Das Sozialamt ist dann meist der einzige Ausweg – und dort bleiben sie teilweise ein Leben lang. Man kann sich aber auch sagen: Wir wissen jetzt, wie dieser Jugendliche unterwegs ist, und wir nehmen den Zusatzaufwand einer engen Betreuung auf uns. Bei guter Betreuung öffnen viele Jugendliche ihren „Knopf“ und werden topmotivierte Mitarbeiter.

Was ist das Wichtigste bei der Betreuung der Lernenden?

Das Wichtigste ist der Vertrauensaufbau. Gelingt der, gelingt sehr viel. Die Lernenden müssen sich emotional aufgehoben und wertgeschätzt fühlen. Dazu brauchen sie jemanden, der für sie da ist und den sie bei Problemen fragen können. Eine kritische Phase ist beispielsweise oft der Baustellenwechsel. Solche Problempunkte gilt es zu erkennen und Lösungen zu finden. Generell müssen die Ausbildner genau hinschauen und bei Konflikten Lösungen erarbeiten. Zum Beispiel mit dem Einverständnis des Lernenden ein Sperrkonto errichten für einen, der mit dem vielen Geld, das er als Lernender auf dem Bau verdient, nicht umgehen kann.

Was ist die wichtigste Erkenntnis, die die Teilnehmenden mit nach Hause nehmen sollten?

Dass die Lernenden Menschen sind, mit denen man sehr individuell umgehen muss. Es gibt keine pfannenfertigen Rezepte. Wichtig ist, genau hinzuschauen, um den Jugendlichen in seinen Eigenschaften erfassen zu können. Man muss sich auch bewusst sein, dass Jugendliche keine halbfertigen Erwachsenen sind, sondern dass sie noch in einer ganz eigenen, sehr zerbrechlichen Lebensphase stecken.

Die Kurse sind jetzt nur ein „Tropfen auf den heissen Stein“; im grossen Stil Lehrvertragsauflösungen verhindern können sie wohl noch nicht. Sind weitere Aktionen geplant, um Lehrvertragsauflösungen zu verhindern?

Jetzt sind wir noch in der Pilotphase, doch ab Sommer 2016 ist geplant, die Kurse flächendeckend in der Schweiz anzubieten. Damit können wir hoffentlich viele unserer rund 2000 Lehrbetrieben erreichen. Zudem würde ich die Werbung neu ausrichten. Wir müssen vermehrt „solide“ Jugendliche aus der Mittelschicht anziehen; Talente, die Karriere auf dem Bau machen können. Und um diese Jugendlichen zu erreichen, müssen wir die Mütter „abholen“. Warum also nicht zum Beispiel mal in einer „Schweizer Familie“ Werbung schalten? Erreichen wir mehr Jugendliche aus einer „soliden“ Lebenswelt, haben wir automatisch auch weniger Lehrvertragsauflösungen.